Die meisten Kinder fahren gerne Rad. Aber wie lernen sie es am besten und wie zeige ich ihnen sicheres Fahren? Ich habe Kinder-Radfahrprofi Christian gefragt, der jahrelang selbst professionell Radtouren mit Kindern (in der Stadt!) geleitet und die Kinder darauf vorbereitet hat.


Wie alle Eltern bin ich beim Radfahren immer besorgt um die Sicherheit meiner Kinder. Sie lieben es, aber ich sehe natürlich hinter jeder Ecke eine Gefahrenquelle. Eine gute Lösung ist es, den Kindern vorab schon einen sichern und umsichtigen Umgang mit dem Verkehr beizubringen. Aber wie macht man das?

Radfahren mit Kindern

Vor zwei  Jahren habe ich bei der Kindergruppe in unserer Straße das Schild von Giles entdeckt, der viele Jahre Radtouren und Fahrsicherheits-Trainings für Kinder und Kindergruppen in Wien organisiert hat. Ich war beeindruckt. Angeblich ist das bereits mit Kinder ab drei Jahren möglich. Sein langjähriger Kollege Christian Andersen erklärt uns aber im Interview ausführlich, wie das Radfahren mit Kindergruppen bereits in diesem Alter ein Erfolg wird und sicher abläuft.

Christian und Giles kannten sich bereits lange vor den gemeinsamen Radtouren mit Kindergruppen und dem professionellen Angebot. Was sie danach auf die Beine gestellt haben ist leider Geschichte (Anm.: diese Radtouren gibt es leider mittlerweile nicht mehr in Wien). Allerdings eine, die ich in Zeiten, in denen Radfahren ein immer wichtigeres Transportmittel im urbanen Raum wird, für erzählenswert halte.

Interview: So funktioniert urbanes Radfahren auch mit Kindern

Stadtmama: Radfahren mit Kindergruppen – wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen?

Christian: Entstanden ist es bei Giles aus Erlebnissen wie einer Straßenbahnfahrt mit den Kindern aus seiner Kindergruppe. Die Kinder schauen aus dem Fenster und sehen so viele Dinge, die sie interessieren. Warum also in der Straßenbahn sitzen? Es gibt so viele Sachen, die man draußen erleben könnte. Zu Fuß ist eine Lösung, aber für größere Distanzen brauchte es eine neue Idee.

Zu Beginn machte Christian Radübungen in der Kinderguppe im WUK, in der er damals gearbeitet hat in einem großen Raum mit vielen Rädern. Die

 

meisten Kinder konnten zu dem Zeitpunkt bereits Rad fahren. Danach wurde draußen geübt. Zu Beginn zu Fuß, als der Radius der Kinder größer wurde begleitend mit dem Fahrrad. Zuerst mit der kleinen Gruppe, um Erfahrungen und Sicherheit zu sammeln und bei Giles zuschauen, wie er es macht.

S: Wie funktionieren Radtouren mit Kindern in der Stadt in Hinblick auf Sicherheit?

C: Sehr viel über Verkehr sprechen, auch schon beim Gehen. Man muß zunehmend darauf achten, dass die Kinder die Aufmerksamkeit beim Gehen auf das Gehen und den Verkehr lenken, also nicht die Aufmerksamkeit bei den Betreuern haben, sondern bei der eigenen Tätigkeit. Wir haben das Reihen gehen ein Stück weit aufgelöst und die Anordnung geändert: wir in der Mitte und die Kinder rund um uns herum. Natürlich ist die Perspektive am Rad und zu Fuß eine andere. Man konnte aber zum Beispiel das Stehen bleiben vor Einfahrten üben. Auch ausreichend Abstand zur Fahrbahn ist imemr notwendig. Langsam wurde ein Modus und Abläufe eingeübt. Meistens wurde am Gehsteig gefahren, je nach Gegebenheiten (Anmerkung: z.B. im 22. Bezirk auch viel auf der Fahrbahn).

Profi-Tipp: Eine Verkehrssicherheit aufbauen, die schon im Gehen sichtbar ist.

Danach haben wir anfangen, die ersten Ziele auszusuchen. Ich bin mit den Kindern zum Beispiel ins neue AKH gefahren. Dort ist es einigermaßen verkehrsberuhigt. Es gibt viele Gefälle-Strecken, wo die Kinder üben konnten sicher zu Bremsen und eine Routine in der Handhabung des Rades als der Aufmerksamkeit aufgebaut wurde.

ProfiTipp: Einhändiges Fahren und Bremsen üben mit Geschicklichkeits-Spielen

Giles selbst hat gleichzeitig bereits viele Fahrrad-Geschicklichkeitsspiele entwickelt. Es wurden z.B. Hindernisse (Anmerkung: mit Hektor(en), ihr wisst schon, diese „WC-Stoppel“ gegen Verstopfung) in verkehrsberuhigten Zonen aufgestellt und durch nehmen der Hindernisse konnten sie einhändig Fahren und Bremsen üben.

Später haben wir auch Kindergruppen angeboten, die Kinder vorzubereiten auf das Radfahren, komprimiert in ein paar Tagen. Der Kurs sah dann so aus: Am ersten Tag einmal raus gehen, Verkehr besprechen. Die Kinder haben wir dann nicht ausschließlich an der Hand gehen, sondern ihre Sicherheit finden lassen und ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihr Tun zu lenken.

Profi-Tipp: Man sieht erst wenn Kinder nicht an der Hand gehen, ob sie auf den Verkehr achten.

Die Kinder sollen einzeln die Kreuzung/Straße queren üben und müssen selbst die Entscheidung treffen los zu gehen. Das wurde so oft geübt, bis die Kinder einigermaßen die Entscheidung selbst treffen konnten und los gegangen sind. Natürlich sind wir immer in Griffweite gewesen (wörtlich). Dieses Lernmoment ist notwendig, damit sie es wirklich lernen. Natürlich war es aber nur insofern eine Entscheidung des Kindes, als wir es NICHT daran gehindert haben die Straße zu queren, wenn die Entscheidung die richtige war.

Das führt auch dazu, dass Kinder im Straßenverkehr sehr aufmerksam sind. Es gab in den Kindergruppen davor, dazwischen und am Ende einen Elternabend. Nach den ersten Übungen zu Fuß gab es häufig das Feedback von Eltern, dass sie von den Kindern gescholten wurden, weil sie im Fußverkehr nicht ausreichend achtsam waren. Dadurch haben die Eltern wiederum mehr Sicherheit bekommen, dass ihre Kinder so aufmerksam sind im Verkehr und offensichtliche Lerneffekte haben.

 

Wichtig: Freies, umsichtiges und selbstverantwortliches Gehen üben

Irgendwann hat man das Gehen im Verkehr einigermaßen „im Griff“. Das ist etwas, was in der Stadt oft von Eltern nicht eingeübt wird. Kinder gehen an der Hand der Erwachsenen und spüren an der Gehbewegung, wann es los geht. Sie sehen aber nicht, womit es zusammen hängt und stellen so keine Verbindung der Handlung zum Verkehr her und zu dem, was die Erwachsenen tun.

„Ich liebe Leute, die Verkehrsregeln brechen, wenn ich mit Kindern unterwegs bin. Es gibt nichts besseres als Erwachsene, die bei rot übe eine Kreuzung gehen. Weil sie nämlich etwas tun, was andere nicht tun: Sie schauen sehr genau auf den Verkehr. Und das ist genau das, was man mit Kindern auch tun sollte. Es gibt nichts wichtigeres, als auf den Verkehr zu schauen.“

Wir können uns als Fußgänger bei geregelten Kreuzungen halbwegs darauf verlassen, dass das gut funktioniert. Als Radfahrer aber gar nicht. Unsere Rechte als Radfahrer was Vorrangregeln angeht, wir haben keine Knautschzone.

Kinder brauchen relativ lange, bis sie tatsächlich die Entscheidung getroffen haben, dass sie gehen können. Oft ist es dann so, dass der Autofahrer stehen bleibt. Das Kind braucht dem Autofahrer zu lange und dieser steigt wieder aufs Gas. In Gegenden mit mehr Radverkehr und desto mehr Kinder unterwegs sind, ist die Aufmerksamkeit der Autofahrer besser, was den Radverkehr angeht.

Andere Perspektiven testen

Möglichkeit: sich in ein Auto reinsetzten und sich klar machen, wie ist das mit dem toten Winkel und um die Erfahrung zu machen, dass Autofahrer Kinder oft wirklich nicht sehen können, weil die A-Säule die Sicht versperrt oder die Scheibe spiegelt. Merken, dass Kinder Signale nicht eindeutig deuten könne. Die Aufforderung, dass Kinder einen Blickkontakt zu Autofahrern herstellen sollen halte ich für problematisch, weil es zu vielen Situationen führt, in denen diese Kommunikation nicht funktioniert. Wir brauchen klare Kommunikation, das heißt es gibt einen Zebrastreifen, das Auto fährt mit mäßiger Geschwindigkeit darauf zu und bleibt stehen. DAS ist Signalwirkung. Ein daherrollendes Auto, bei dem der Autofahrer dem anfahrenden dem Kind winkt, ist aus einer kindlichen Perspektive nicht nachvollziehbar. Auch acht- bis zehnjährige Kinder schätzen eine solche Situation noch falsch ein. Wir müssen auch die Art und Weise, wie hier kommuniziert wird, ändern.

Autofahrer haben im Straßenverkehr eigentlich als Kommunikation nur ihre Geschwindigkeit. Das Auto ist binär kodiert: fahren oder nicht fahren.

DANN geht es los …

Eltern fällt es oft schwer einen Ausflug mit ihren Kindern zu machen. Das hat oft damit zu tun, dass es zu wenig Kinder sind (Anmerkung: in der Gruppe). Der Einstieg ins Radfahren und zu Ausflügen ist vielleicht über eine Kindergruppe einfacher, weil hier eine eigene Dynamilk entsteht. Die Gruppengröße von ca. 14 Kindern funktioniert zu zweit an sich gut.

S:Wenn du alleine unterwegs bist, fährst du vor oder hinter den Kindern?

C: Das ist abhängig von der Situation. Ich fahre keine Tour mit Kindern, die ich nicht wirklich gut kenne. Viele Ecken Wiens kenne ich so, dass ich grundsätzlich jeder Zeit los fahren kann. Ampelläufe, Ausfahrten, an welchen Stellen Autofahrer auch bei rot drüberfahren, das ist alles wichtig. An manchen Stellen muß man vorne fahren. Oder man bereitet das Kind darauf vor.

Profi-Tipp: Es gibt nur die absolute Kenntnis jeder Strecke.

Somit ist immer die Frage: Wie schaut die Situation aus? Wir haben uns die Situation der neuen Strecken oft zu zweit ausführlich vorab angeschaut. Wenn ich mit der Kindergruppe unterwegs war, kam es schon auch vor, dass ich auf der Straße gefahren bin und die Kinder auf dem Gehsteig. Aber es gab natürlich auch Situationen, in denen das gefährlich war, also bin ich auch auf dem Gehsteig unterwegs gewesen. Rechtlich gesehen war das natürlich nicht o.k., aber es war auch aus Sicht der Polizei mit der Kindergruppe verantwortbar.

Wichtig ist als Gruppe: Abstand halten.

Die Kinder müssen tatsächlich einen Abstand halten, damit sich Bremsungen noch ausgehen. Große Kreuzungen sind ein Thema, da müssen die Kinder mit einer hohen Geschwindigkeit drüber fahren, sonst bekommen sie Stress. Sie müssen aber auch lernen mit Stresssituationen umzugehen, ganz klar. Dann geht fast alles. Auch ein Ausflug mit einer Gruppe von drei- bis sechsjährigen Kindern vom Praterstern zum Parlament oder Museumsquartier. Man muss natürlich auch immer wissen, wo es die nächste Möglichkeit zur Pause gibt, und wie die Anforderungen der Gruppe aussehen.

Es geht nie um Distanzen oder den sportlichen Beitrag, man soll auch stehen bleiben können, wenn es notwendig ist.

Ich habe die Stadt irgendwann als Spielplatz begriffen. Es gibt kaum einen Ort, an den ich nicht mit Kinder einen attraktiven Ausflug machen kann. Man muss sich nur trauen, es auch aus der Sicht der Kinder zu Betrachten und nicht nur der eines Erwachsenen. Man findet mit Kinder zu Fuß plötzlich Spielplätze, die keine Spielplätze sind. Oft muss man bei Ausflügen mit Kindergruppen natürlich zu einem bestimmten Ort und auch noch zu einer bestimmten Uhrzeit. Wenn man keinen Zeitdruck hat, kann Wien ein unheimlich attraktiver Ort mit Kindern sein. Immer wieder waren Eltern ganz erstaunt, was wir mit den Kindern gemacht haben. Alleine mit den Kindern würden sie das nicht tun.

S: Sind Laufräder eine gute „Vorübung“ für das Radfahren?

C: Laufräder sind vom Körpereinsatz her nicht unbedingt optimal. Besser wären Roller, da hier wirklich der ganze Körpereinsatz nötig ist, um zu fahren. Was bei Laufrädern generell tatsächlich ein Problem ist, sind die Bremsen. Mit den Füßen kann man eine Bergab-Stecke einfach schlecht bremsen, die Laufräder werden aber sehr schnell.

S: Wo können Kinder nun wirklich achtsames Radfahren lernen?

C: Momentan kenne ich hier niemandem im Vorschulbereich, der mit den Kindern Rad fahren geht. Ich habe leider schlichtweg die Zeit nicht dazu. Das ist natürlich auch etwas, das man selbst zwei- bis drei Mal die Woche machen muss.

Mehr zum Thema Radfahren & Workshops

Wer sich näher mit dem Thema Radfahren beschäftigen will, dem legt Christian Christian Burmeister und Bernhard Dorfmann ans Herz. Christian Burmeister bildet seit Jahren Radfahrlehrer aus, einer davon ist Bernhard Dorfmann, der Gründer der City Cycling School in Wien. Hier geht es vor allem um das sogenannte „Geschmeidige Radfahren“, also eher um das Wahrnehmen und Anerkennen der Unterschiedlichkeit der Verkehrsteilnehmer als um Gesetzte und Vorschriften. Es gibt Workshops für Kinder und Erwachsene. Unter anderem aber auch für all jene, die sich nicht so richtig trauen, sich mit dem Rad in der Stadt zu bewegen. Unter anderem wird auch das Fahren mit Kamera dokumentiert und analysiert.

Über Christian Andersen

Christian Andersen ist ursprünglich ausgebildeter Kindergärtner, LKW Fahrer, Tagesmutter und Kindergruppenbetreuer. Er beschäftigt sich auch aktuell beruflich im Rahmen verschiedener Projekte und als Lehrender am Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Wien mit dem Thema Radfahren und mit kompetenzorientiertem Unterricht. Das Angebot von Giles.at gibt es allerdings leider in dieser Form nicht mehr, da es als Ein-Mann-Unternehmen zu aufwändig und neben seinem Hauptberuf nicht umsetztbar ist.

Lieber Christian, danke für das sehr spannende Gespräch! Ich hoffe, es wird in Zukunft wieder ein ähnliches Angebot für Kinder in Wien geben. Wie du mir gegenüber richtig erwähnt hast: egal wer es anbietet. Wichtig ist, dass es so etwas überhaupt gibt, um ein stärkeres Bewusstsein für sicheres und umsichtiges Radfahren zu schaffen.

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