Rick möchte eigentlich nur ein paar tolle Bilder mit seiner Kamera einfangen. Ganz „old school“ analog. Als er das Foto entwickelt, entdeckt er etwas Spannendes darauf. Vielleicht sollten wir alle mal wieder zu analogen Kamera greifen… Mamalogin Simone erzählt heute eine spannende Geschichte. Aber lest sie und staunt selbst!

Mamalogin Simone GeschichteEs ist einer dieser vorweihnachtlichen Spätherbsttage, an denen man sich wünscht, dass es schon kälter wäre. Dann würde nämlich aus der großen dicken Wolke am Himmel kein Regen kommen, sondern es würden wunderschöne flauschige Schneeflocken herabtanzen. Becca und Rick kommen gerade von der Schule nach Hause. Mama hat das Essen fertig und Papa macht die letzten Handgriffe im Garten, er kehrt das Laub zusammen. Die Kinder werfen ihre Schultaschen in eine Ecke und stürmen zum Eßtisch. Mmmh: Spaghetti mit roter Sauce!

Es hat aufgehört zu regnen, deshalb wollen die beiden nach dem Essen in den Garten gehen, Becca möchte Papa helfen und Rick möchte mit seinem neuen Fotoapparat Fotos machen. Den Fotoapparat hat er von Oma bekommen, sie hat ihn auf dem Dachboden gefunden. Es ist ein ganz spezielles Gerät. Oma sagt, diese Kamera hat früher Opa gehört, er hat viele Fotos damit gemacht als Papa klein war. Dazu hat er auf den Knopf gedrückt, wie man das heute auch macht. Aber anstatt das Bild auf dem Bildschirm zu sehen, kam aus dieser Kamera das Foto aus einem Schlitz auf der Unterseite des Apparats wie aus einem kleinen eingebauten Drucker. Auf diesem Bild war anfangs nie etwas zu erkennen, man musste abwarten, bis die Farbe trocknet, dazu konnte man mit dem Foto auch etwas hin und her wackeln. Nach etwa einer Minute war das Foto fertig. Rick ist von diesem System wahnsinnig fasziniert, er hat schon einige schöne Fotos auf diese Art gemacht.

Der Papa im Garten ist ein besonders tolles Motiv! Da ist einmal Papa selbst, dann der Laubhaufen, den er zusammengerecht hat, der Kübel in den er das Laub füllen wird und daneben ein Stein, eine Hacke, mit der Papa gerade noch Erde aufgelockert hat und ein langer Zweig, den er abgeschnitten hat. Der war den Kindern immer im Weg wenn sie mit ihren Fahrrädern bei der Gartentüre reingekommen ist. Rick möchte das Bild mit seinem Fotoapparat einfangen. Er probiert verschiedene Stellen im Garten bis er genau richtig steht und einen perfekten Blick auf alles hat. Er schaut durch die Linse, bleibt ganz ruhig stehen und genau in dem Moment, in dem alles passt, drückt er auf den Knopf. Die Kamera klickt, dann surrt es und schon kommt das Foto raus. So toll! Rick freut sich! Er nimmt das Foto ganz vorsichtig in die Hand und betrachtet es. Es ist ganz dunkelgrau und er kann noch überhaupt nichts erkennen. Langsam, ganz langsam beginnen sich aus dem Grau Formen abzuheben, endlich werden sie etwas klarer. Aber was ist das? Das ist doch nicht Papa. Und was liegt denn da im Gras? Das ist doch gar kein Gras!

Auf dem Foto sieht man etwas ganz anderes! Da ist kein Gras, auf dem Bild ist der Boden eindeutig aus Sand. Der Mann, auf dem Bild recht kein Laub zusammen, sondern er gräbt und es ist auch nicht Papa, es ist ein … ein Pirat! Das wird ja immer spannender, der Zweig im Gras ist eine Schlange und der Stein ist eine große Krabbe, die am Strand hockt. Die Hacke ist ein Fernrohr und der Kübel? Oh, das ist eine Schatzkiste! Eine echte Schatzkiste, die der Pirat offenbar vergraben möchte! Aber das Allergruseligste ist der Laubhaufen, der hat sich auf dem Bild in ein Dinosaurierskelett verwandelt! Rick starrt wie gebannt auf das Bild und kann nicht fassen, was er hier sieht. Becca bemerkt seine versteinerte Miene und läuft zu ihm hin. „Was ist denn los?“ fragt sie? Rick kann gar nicht sprechen, er hält ihr nur das Foto hin. Becca macht große Augen und betrachtet das Bild von dem Piraten, der neben einem Dinosaurierskelett eine Schatzkiste vergräbt. Donnerwetter! Wie gibt es denn sowas? Auf der rechten oberen Ecke des Fotos sehen die Kinder einen Stern, wie wenn man gegen das Sonnenlicht fotografiert. Aber die Sonne scheint doch heute gar nicht! Der Stern scheint irgendwie zu leuchten und zu funkeln. Die Kinder können nicht widerstehen und greifen vorsichtig auf den Lichtstrahl. Da passiert es: ganz plötzlich kommt ein starker Wirbelwind auf, hebt sie in die Luft, dreht sie im Kreis und sie werden so schwindlig, dass sie die Augen schließen müssen.

Als sie die Augen wieder aufmachen liegen sie am Strand, neben ihnen ist eine hohe Düne, vor ihnen das weite blaue Meer. Sie liegen da und starren einander an. Dann kriechen sie ganz vorsichtig und ganz leise auf die Düne, um zu schauen, was sich dahinter verbirgt. Aber: Da ist gar kein Pirat. Da ist gar niemand. Doch – da ist das Dinosaurierskelett! Und auf einer frisch gegrabenen Stelle im Sand liegt eine Schlange. Es ist der gleiche Strand wie auf dem Foto – eindeutig! Aber wo ist der Pirat? Auf dem weiten Meer sehen die Kinder ein kleines Boot, das vom Strand wegrudert und dahinter ein großes Schiff mit einer schwarzen Flagge und darauf ein weißer Totenkopf. Offenbar ist der Pirat auf dem Weg zurück zum Schiff, es ist also wirklich niemand da.

„Bitte, helft mir die Schatzkiste wieder auszugraben!“ hören die Kinder auf einmal eine Stimme sagen. Es ist eine angenehme junge Frauenstimme. Die Kinder blicken sich um, aber es ist weit und breit niemand da. Da hören sie wieder: „Bitte, ich habe ja keine Hände, ich brauche Hilfe, um die Schatzkisten wieder auszugraben.“ Nochmals schauen sich Becca und Rick um. Außer dem Dinosaurierskelett, der Krabbe und der Schlange sehen sie nichts. „Nun schaut nicht so verdutzt, kommt lieber her und helft mir!“, hören sie, während sie sehen, wie die Schlange eine Kopfbewegung macht, wie wenn sie jemandem bedeuten möchte, herzukommen. Es ist die Schlange, die mit ihnen spricht!

Schnell laufen Becca und Rick zu der Stelle an der die Schlange liegt und fangen an, den Sand mit den Händen wegzuschieben. Das ist ganz schön anstrengend, aber schon bald spüren sie unter dem Sand etwas Hartes. Es ist der Holzdeckel der Truhe! Sie ist nicht sehr groß, noch etwas mehr Sand beiseite geschoben und sie können die Griffe erreichen. An jeder Seite der Truhe hält ein Kind und bei 1-2-3 heben sie mit aller Kraft an. Hau-ruck! Da ist sie! Komisch, sie ist viel leichter als gedacht. „Macht schnell auf, bitte! Ich kann es gar nicht erwarten! Beeilt Euch!“ sagt die Schlange. „Warum hast Du es denn so eilig? Bestimmt sind in so einer Schatzkiste Goldmünzen oder Perlenketten. Was soll eine Schlange denn mit so etwas anfangen?“ fragt Becca. Rick kann es ebenfalls nicht mehr erwarten und klappt den Deckel zurück. Mit einem leisen ‚Kling!‘ kommt ein langer Stab zum Vorschein. Ein silberner Stab, der an einem Ende dünner wird. „Das ist ein Zauberstab!“ ruft Rick. „Ja, das ist mein Zauberstab“, sagt die Schlange, „jetzt aber schnell, wir müssen den Zauber umkehren!“ „Welchen Zauber?“ fragt Becca, aber Rick hat gar keine Zeit mehr, weitere Erklärungen abzuwarten, er nimmt den Zauberstab in die Hand, da erscheinen am Boden der Schatzkiste plötzlich blutrot leuchtende Buchstaben: HOKUS POKUS SCHLANGENBAU HEXE SEI JETZT WIEDER FRAU!

„Schnell, richtet den Zauberstab auf mich und sprecht nach was hier steht!“ treibt die Schlange die Kinder an. Beide tun wie geheißen, dann gibt es einen lauten Knall gefolgt von einem dichten Nebel. Als die Schwaden sich aufgelöst haben steht eine hübsche junge Frau mit wallenden schwarzen Haaren vor ihnen, die Schlange ist verschwunden. Statt der Krabbe sitzt eine Katze zu ihren Füßen und an der Stelle, an der das Dinosaurierskelett gelegen ist, steht eine Hütte aus geflochtenen Palmenblättern. Glücklich fällt die junge Frau den Kindern um den Hals und bedankt sich für ihre Rettung. „Ich bin Philomena“, stellt sie sich vor. „Ich bin die Medizinfrau unseres Stammes. Meine Familie und Freunde wohnen im Inneren der Insel in einem Dorf, aber mir gefällt es hier am Strand besser. Gestern hat das Piratenschiff angelegt. Ich habe sie nicht kommen hören und plötzlich wollten sie mich gefangennehmen und wegschleppen. Ich war dabei sie alle in Schlangen zu verwandeln, aber leider ist mein Zauberspruch am Goldzahn des Piratenkapitäns wie in einem Spiegel abgeprallt und hat mich selbst getroffen. Und damit ich mich nicht zurückhexen kann, haben sie meinen Zauberstab vergraben. Ohne Eure Hilfe hätte ich wohl für lange Zeit eine Schlange bleiben müssen. Wie kann ich mich bei Euch bedanken?“

Becca und Rick schauen einander an, dann blicken sie zu Philomena, „Weißt Du, es ist sehr schön hier am Strand, die ganze Insel sieht wunderbar aus. Aber wir möchten gerne wieder nach Hause. Kannst Du uns zurückschicken?“ Philomena bestätigt den beiden, dass sie das kann. Vorher zeigt sie ihnen aber die Insel und stellt sie ihrem Dorf vor. Als die Leute dort hören, wie die beiden Kinder Philomena gerettet haben, veranstalten sie zum Dank ein großes Fest und alle feiern bis tief in die Nacht. Die beiden Kinder sind schließlich so müde, dass sie sich zusammenkuscheln und im Gras einschlafen. Als sie am nächsten Morgen aufwachen, liegen sie bequem in ihren frischen weißen Daunenbetten. War das alles nur ein Traum?

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Wintergeschichte_Simone Kostka-Krytinar

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