Heute geht es im Geschichten-Adventkalender um die Liebe. Julia vom Blog immer lauter erzählt eine Liebesgeschichte, die auch noch hunderte Jahre später für alle Welt sichtbar ist

Eine Schlange zum Verlieben

Rorys Story CUbesEs war einmal vor langer Zeit in einer großen Wüste. Dort wohnte ein kleiner einsamer Junge namens Arak. Arak liebte es, in der Früh, bevor die Sonne aufging, spazieren zu gehen. Er liebte es, über die Dünen zu rutschen und den Wildgänsen bei ihrem Flug in den Süden zuzuschauen.

Wenn er Durst bekam, konnte er mit seinem Messer einen Kaktus anritzen und vom Pflanzensaft trinken. Doch als Arak das Messer zuckte und ein Stück vom Kaktus abschneiden wollte, zischte es ganz laut: „Nein, bitte nicht“. Arak drehte sich um und fragte sich: „Wer ruft hier?“ Doch als er sich umdrehte, sah er niemand. Als er sich zum zweiten Mal umdrehte, zischte es wieder: „Nein bitte nicht“. Da sah er, woher die Stimme kam: Es war eine winzige Schlange, die sich zwischen den Kaktusstacheln versteckte. Arak hatte noch nie eine sprechende Schlange gesehen. Also fragte er: „Wer bist du?“ – „Ich bin Zischi. Ich wohne hier im Kaktus. Er gibt mir Schutz vor der Hitze und Feuchtigkeit zum Trinken. Und die Insekten, die zum Kaktus fliegen, kann ich essen. Er schützt mich und ich schütze ihn.“ – Das verstand Arak. Er steckte seine Messer wieder ein und fragte nochmals: „Wie kommst Du hierher?“ Zischi erklärte, dass sie früher in den Bergen gewohnt hat. So, weit weg von hier, dass man ihrer Heimat nur mit einem Fernrohr sehen kann. Neugierig fragte Arak, wie Zischi denn hierher in die Wüste gekommen ist.

Ich bin geflogen“, meinte Zischi. „Das glaube ich Dir nicht“, sagte Arak. Dann erzählte Zischi, wie das alles passiert ist. Beim Spielen in den Bergen hat sie sich zwischen Früchten versteckt. Ein Vogel hat sie unabsichtlich in die Luft geworfen. Dann ist sie auf einen anderen Vogel gefallen, der sie mitgenommen und über der Wüste fallen gelassen hat. Jetzt vermisst sie ihre Familie sehr, die in den Bergen zurück geblieben ist. Zischi tat Arak leid. Und so sagte er ihr, sie solle keine Angst haben. Er werde sie zu ihrer Familie in die Berge bringen. Also brachen Arak und Zischi am nächsten Tag ganz in der Früh in Richtung Berge auf.

Sie wanderten, bis die Sonne sehr heiß war. Dann vergruben sie sich an einem schattigen Platz im Sand. Am Abend, als die Sonne nicht mehr brannte, wanderten sie weiter. Sie wanderten, bis es dunkel wurde und verfolgten einen Stern, bis sie zu den Bergen kamen. Es war stockdunkel, doch Zischi kannte den Weg schon auswendig und führte Arak vorbei an Skeletten von Tieren und hohen Bäumen, bis es wieder hell wurde.

Als er schon fast am Ende seiner Kräfte war, sah Arak in der Ferne die gewaltige Kuppeln eines Schlosses. Da sagte Zischi: „Wir sind bald da“. Doch Arak hatte Angst. Welcher mächtige Herrscher in so einem Schloss wohnen würde? Und er ahnte, dass er als kleiner Junge nicht so einfach durchs Tor spazieren dürfe. Doch Zischi beharrte darauf, dass er keine Angst haben müsse. Als sie vor dem Tor standen, öffneten sich tatsächlich die breiten Pforten und die beiden traten ein.

Das Schloss war leer. Oder es schien zumindest so. Denn kaum war er in der Halle, krachte das Tor hinter ihm ins Schloss. Hatte ihm Zischi eine Falle gestellt? Doch Zischi sah die ängstlichen Augen von Arak, wusste, was er dachte und bat ihn: „Bitte hilf mir!“ Ich war früher eine Prinzessin und lebte hier im Schloss. Doch dann wurde ich verzaubert. Es gibt aber einen Zaubertrank, mit dem ich wieder zu einem Menschen werde, aber er ist hoch oben im Turm, wo ich allein ohne Hilfe nicht hinkomme.

Arak war ängstlich, aber da er nun eingesperrt war, wollte er nicht jammern, sondern nach vorne schauen. Also erklamm er mit Zischi unterm Arm den höchsten Turm, wo er auch den Zaubertrank fand. Zischi nahm einen Schluck von der Flasche, doch es passierte nichts. Da versuchte Arak sein Glück. Er nahm einen ganz großen Schluck und siehe da: Er verwandelte sich in eine Schlange. Zischi verliebte sie sich auf den ersten Blick in die Schlange, zu der Arak geworden ist. Die Beiden erkundeten turtelnd das große Schloss und waren tatsächlich ganz allein dort. Sie machten es sich gemütlich und richteten sie sich häuslich ein. So führten die Beiden ein glückliches Leben und bekamen viel Schlangenbabys, die in den nächsten Jahren das große Schloss mit frischem Leben füllten.

Als Jahrhunderte später ein Tourist im Schloss spazieren ging und mit seinem Fotoapparat jede Ecke abfotografierte, machte er auch ein Foto von zwei toten, ineinander geschlungenen Schlangen, die in einem Stein eingraviert waren. Zischi und Arak waren also für immer miteinander verbunden geblieben.

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Zischi und Arak_Julia Gattringer

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