Vereinbarkeit ist eine Lüge. Wirkliche Vereinbarkeit wie die, von der wir immer träumen gibt es nicht. In Zukunft werden sich die meisten Frauen genau wie in der Vergangenheit für Kind oder Karriere entscheiden müssen. War so. Ist so. Wird so bleiben. Welche erfolgreiche junge Frau wird wohl in 20 Jahren noch Mutter werden wollen?

Kürzlich bin ich über eine aktuelle Studie zum Thema Vereinbarkeit und ihre Auswirkungen auf Kinder gestolpert. Töchter arbeitender Mütter haben laut der Studie bessere Chancen in der Arbeitswelt, sie bekommen einen guten Eindruck von der Gleichstellung in Beziehungen und haben steilere Karrieren vor sich. Bei jedem zweiten Satz krümmte ich mich innerlich. „Ja, aaaaaber …“. Alles irgendwie richtig. Das „aber“ bleibt.

Vereinbarkeit

Es ist gut, dass so viele Mütter teilzeit arbeiten (können). Sehr gut sogar. Ein statistisch belegter Fortschritt gegenüber vor zwanzig Jahren gewissermaßen. Ein kleiner Sieg für den Feminismus. Oder auch nicht. Denn fast immer, wenn Mütter nur Teilzeit arbeiten, um mehr Zeit für die Familie zu haben, bekommen sie im Job oft nur weniger spannende Aufgaben, weniger Verantwortung und weniger Lohn. Arbeiten sie Vollzeit, fehlt die Zeit für die Familie. Da wird sich auch in den nächsten Jahrzehnten nur wenig ändern …

Achtung, Durchsage: Kinder? Sie gefährden ihre Karriere!

Anmerkung: Das Wort Karriere wird heute etwas inflationär verwendet. Es muß nicht jeder „Karriere“ machen. Ein Job, der Spaß macht und erfüllend ist, ist nicht gleich einer steilen Karriere (wo auch immer hin). Nur weil man arbeiten geht, muß man also nicht gleichzeitig Karriere machen oder unglücklich sein, weil man nicht „aufsteigt“ Es geht hier aber nicht um Aufstieg oder nicht. Das bedeutet nämlich auch nicht, dass man nicht damit glücklich sein muß, zu einem Rückschritt gezwungen zu sein, weil man sein Soll im Job nicht erfüllen kann oder dass Stillstand eintritt. Jeder Mensch, den ich kenne, möchte ich weiterentwickeln. Persönlich und beruflich. Und genau das ist es, was – egal ob Karriere oder nicht – häufig weg fällt.

Vereinbarkeits-Lüge

Ehrlich, Vereinbarkeit von Kind und Job ist eine Lüge. Es hat schließlich einen Grund, warum nur die allerwenigsten Männer länger in Karenz gehen. Einige noch für einen Monat, ein paar weniger für bis zu vier Monate. Aber die meisten eben nicht. Eine zu lange Abwesenheit gefährdet nämlich zumeist den Arbeitsplatz. Eine Karenzvertretung wird bald zum wertvollen Mitarbeiter und dann hält dir niemand mehr den Sessel warm. Aha. Echt jetzt?

Das ist genau das Problem mit dem Frauen konfrontiert sind, denen ihre Job (und ich sage jetzt absichtlich nicht Karriere!) annähernd so wichtig ist, wie ihre Kinder. Das fängt mit ihrer „Zwangspause“, die Chefs nicht gerne sehen, an und endet damit, dass es danach für viele schwierig ist, wieder in Teilzeit einzusteigen. Gerade hat mir eine bekannte Mama im Kindergarten freudenstrahlend berichtet, dass sie einen neuen Job bekommen hat. Direkt nach der Karenz bei einem neuen Arbeitgeber. Blöd nur: 40 Stunden eigentlich wollte sie weniger arbeiten. Entsprechende Jobangebote hat sie mit ihrer Qualifikation aber nicht gefunden. Sie hat das Angebot deshalb trotzdem genommen, irgendwie geht es schon. Statt fünf eben sechs Tage die Woche, dann kommt sie nicht so spät heim.

Na dann müssen sich die Partner eben absprechen …

Noch mal: Echt jetzt? Und von wie vielen Paaren kennt ihr das, das die Familienarbeit wirklich fair aufgeteilt ist, obwohl beide Partner gleich viel arbeiten? Man kann sie mit der Lupe suchen. Dabei gäbe es Elternteilzeit für beide Elternteile.

Sind „Wollmilchsaumamas“ also ein gutes Vorbild

Ich habe bekanntlich zwei Töchter und möchte ihnen natürlich in vielen Dingen des Lebens ein Vorbild sein. Wer nicht … . Töchter profitieren von der Berufstätigkeit ihrer Töchter? Glaube ich sofort. Meine Mama hatte einen Vollzeit Job und zwei Kinder. Obwohl das eher aus der Not als aus Prinzip so war. In den 80ern und 90ern war das bestimmt noch erstaunlicher. Ich habe sicher davon profitiert. In diesem Punkt gebe ich der Studie also recht. Aber wo führt es hin, wenn wir Vollzeit-Jobs für jede Mutter propagieren. Damit ist es nicht getan. Mama geht dann zwar ganztags ins Büro, die restliche Arbeit bleibt aber trotzdem an ihr hängen. Gute Work-Life-Balance, wie sie derzeit propagiert wird, sieht anders aus.

Unworte: Karenz & Elternteilzeit

Wenn aber Chefs von Vätern schon das kalte Grausen bei den Worten Väterkarenz (von einem Monat!) oder Elternteilzeit bekommen, wie soll es da bei Müttern besser sein? Kinder krank? Frau bleibt zu Hause. Mann muß erst ran, wenn ihre Krankenstandstage aufgebraucht sind. Ich kenne viele Frauen, die exakt am Stichtag nach dem Kündigungsschutz ihre Kündigung in der Hand hatten. Jene, die besser im Verhandeln waren, haben sich wenigstens noch eine ordentliche Abfertigung herausgehandelt, bevor sie die Tür hinter sich zugemacht haben. Traurig eigentlich.

Gleichberechtigt alle Chancen?

Unsere Töchter haben laut Studienergebnissen alle Chancen und viel Potenzial. Das Thema Gleichberechtigung wird angeblich und sehr theoretisch einmal kein Thema mehr sein. Sobald Männer dann auch mal Kinder bekommen können, sitzen wir alle im selben Boot (Achtung – Fiktion!). Realistisch gesehen müsste ich meinen Töchtern aber empfehlen, sich gegen Kinder zu entscheiden. Da Männer keine Gebärmutter haben, werden wir diese Diskussion niemals auf Augenhöhe führen können. Personaler werden auch in Zukunft der Meinung sein, Mütter sind ein Risiko und ein erhöhter Kostenfaktor. Ich frage mich, welche erfolgreiche junge Frau sich in 20 bis 50 Jahren noch für eine Familie entscheiden kann. Mir tut mein Herz weh beim Gedanken daran. Ich arbeite gerne. Auch Teilzeit. Aber unter fairen Bedingungen.

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