Tobende Kinder gehören hier gerade zur Tagesordnung. Es gibt Tage, da kann man nichts richtig machen als Mama. Gar nichts. Willkommen in der Autonomiephase. Kennt ihr? Ich erzähle euch, warum (meine) Kinder manchmal völlig irrational toben und wie ihr euren Kindern helfen könnt, ihre Gefühle in solchen Situationen zu managen und verstehen zu lernen.

Manchmal tun meine Kinder seltsame Dinge. Sie fangen aus heiterem Himmel und ohne Grund an zu Schreien und mit Dingen um sich zu werfen. Oder sie schmeißen sich auf den Boden, wimmern und toben. Kennt ihr bestimmt, ich bin mir sicher, eure Kinder machen das auch gelegentlich. Allgemein ist dieses Verhalten als Autonomiephase bekannt oder auch als Trotzphase.

Aber ungeachtet dessen, wie man es nennt, es ist vor allem zu Beginn für Eltern so, als ob sich die Hölle plötzlich auftut und kleine Teufelchen ausspuckt, die sich und euch quälen wollen. Warum? Ich brauch es euch vielleicht gar nicht verraten, denn ich schätze, euch geht es manchmal genau so: ich weiß es meistens einfach nicht! Also erklären kann ich es entwicklungspsychologisch natürlich schon (siehe weiter unten im Text), aber rational nicht.

Tobende Kinder

Dabei haben meine Kinder aus ihrer Sicht durchaus reale und sehr dringliche Gründe, um zu toben. Vielleicht hilft euch allein schon das Wissen, ihr seid nicht alleine damit. Vielleicht hat es Wiedererkennungswert. Wenn ihr mal selbst mittendrin sitzt im Tsunami, denkt ihr an mich. Oder an alle anderen Mütter, denen es gerade in diesem Augenblick ganz bestimmt genau so geht. Das ist fast wie sich in einer Präsentation vorzustellen, der Vortragende wäre nackt. Es hilft ruhig zu bleiben und nicht drüber nachzudenken, warum das gerade passiert. Das „warum“ ist nämlich in Wirklichkeit völlig irrelevant, Lösungen müssen her. Aber das erkläre ich im Anschluss.

Tatort Kinderzimmer

Das Schlimmste gleich nach dem Aufstehen: anziehen. Im Winter besonders fies, denn Strumpfhosen und Socken besitzen die Frechheit zu zwicken, Falten zu schlagen und vielleicht sogar noch weh zu tun. Unterhemden müssen durch das Zimmer geworfen und gegebenenfalls zwei bis drei Mal ausgetauscht werden. Hosen gehen gar nicht, Röcke nur bedingt und Kleider müssen bestimmte Kriterien erfüllen, um nicht andeutungsweise in Fetzen gerissen zu werden. Türen und Laden werden geknallt, Strumpfhosen empört wieder ausgezogen und fluchend in die hinterste Ecke gestopft. Am besten, man rührt noch einmal mit den Händen die zusammengelegte Wäsche um. Mama wirkt nach den letzten 15 Minuten Unterhose anziehen eh schon angepisst, deshalb ist es auch schon egal. Tja, das Leben als Prinzessin ist hart. Das Leben als Kleiderschrank einer Fünfjährigen auch. Die Mama steckt es NOCH weg.

Tatort Frühstück

Hier ist es ganz einfach, gute Gründe für ein ordentliches Geschrei zu finden. Zu einfach. Ich sollte das Frühstück einfach abschaffen oder gleich danach eine Yogaeinheit mit anschließender Meditation einlegen. Meistens bekommt wenigstens eines der Kinder den falschen Milchbecher oder zumindest die falsche Farbe. Dann ist die Milch kalt. Oder sie wollten keine Milch sondern Kakao. Und bloß aufpassen, dass da keine Haut drauf schwimmt. Bisher alles im Lot? Dann passt auf, was los ist, wenn Mama verbietet, den Frühstückskakao mit dem Stohhalm a) zu schlürfen und b) am Tisch zu verteilen oder sogar c) die Schwester damit anzuspucken.

Tatort Vorzimmer

Oh nein! Die Kinder werden nun auf bösartige Art und Weise zwangsverpflichtet bei winterlichen fünf Grad (oder weniger) Schuhe (nein, keine Sandalen!) UND auch noch eine Jacke anzuziehen. Das Schlimmste daran ist, dass die Schuhe beim Anziehen oben so komische Falten werfen und die sind furchtbar schmerzhaft, weil sie so gar nicht ins Konzept passen. Die Ballerinas sind zu schmutzig, die warmen Schuhe aus dem Frühjahr zu ichweißnichtwas und die Stoffschuhe zu dünn. Unter Gebrüll und Geschluchze also rein in die Winterschuhe. Wer laut genug schreit, wird seinen Kopf schon durchsetzen. Vielleicht hat Königin Mama ja Mitleid und sieht ein, dass dunkelbraunes Rauleder einer Prinzessin NICHT WÜRDIG ist.

Und eines ist klar: kein Kind gibt die ärmellosen Oberarme so einfach auf, nur weil die Temperaturen unter Null sinken. Die Jacke muß sich Mama hart erkämpfen.

Tatort Fahrrad

Wird das Lastenfahrrad genommen, rebelliert die Tochter: sie möchte selbst fahren. Wartet ihr Rad auf sie, möchte sie lieber kutschiert werden. Der Helm ist dann natürlich zu groß oder wahlweise zu eng, der Gurt zu kurz obwohl er gestern zu lang war und wenn alles sitzt und angeschnallt ist, schicken wir Mama unter Gebrüll nochmal ins Haus, weil das Kuscheltier noch am Bett liegt.

Die folgenden Minuten überschlagen sich. Alle vier sensiblen Punkte des Morgens sind überschritten. Wer bis jetzt noch ruhig ist, hat das mit dem tief Durchatmen schon gut intus. Ich schaffe das nicht immer. Im Kindergarten habe wenigstens ich dann ein leichtes Spiel. Die Damen streiten sich darum, wer zuerst in die Gruppe darf. Und der Rest des Vormittags ist für mich wie Urlaub. Urlaub im Sinne von Arbeit, aber es ist leise und läuft nach meinem Plan.

X weitere wirklich gute Gründe für (aus Erwachsenensicht) völlig irrationales kindliches Verhalten in der Autonomiephase

  • Der Fahrradhelm sitzt schlecht. Und das obwohl er eine Sekunde zuvor noch perfekt gepasst hat.
  • Hunger, Durst. Das Drama: beide Bedürfnisse werden nicht noch im Kindergarten umgehend in der gleichen Sekunde befriedigt, in der sie geäußert werden.
  • Die Tochter sucht etwas und findet es nicht gleich. Mama weiß auch nicht, wo es ist.
  • Mama hat den Zopf zu weit hinten am Kopf geflochten.
  • Nachmittag zu Hause. Alles doof, alles langweilig. Die Tochter verlangt nach Essen, soll heißen nach etwas Süßem. Alternativ würde sie auch einen Schlecker oder Schokolade akzeptieren, erklärt sie. Diese zumeist nicht umgehend erfüllten Wünsche führen zu fast perfekten Schreiparaden.
  • Ein Spiel wird gewünscht. Sagen wir mal UNO. Aber gerne doch, das macht Spaß. Denke ich. Das kleine Fräulein muß vier Karten ziehen. Kurz darauf noch einmal. Blöderweise verliert sie. Zwei Mal. Tja, das war es dann. Karten fliegen durchs Zimmer, Pölster, Hausschuhe. Hände werden wie wild geworfen und der Kopf fährt hochrot und brüllend in den Polster. Ende des Spiels.
  • Beispiel: Adventskalender. Auch wenn ganz klar geregelt ist, wer an geraden und wer an ungeraden Tagen das Türchen öffnen darf, ist die ältere Schwester nicht unbedingt ein Vorbild, wenn sie nicht dran ist. „ABERWARUMISTDENNHEUTEA.DRAN….. ICHWILLAUCH! Heul. Schluchz.“
  • Das Ende des abendlichen iPad-Schauens endet zumeist in knallenden Türen einer Fünfjährigen, die beleidigt ist, weil wir nicht noch eine und noch eine und noch eine Folge schauen können.
  • SCHLAFEN GEHEN? Rausrennen, Türen zuwerfen und sich unter Mamas Bett verstecken. Dummerweise schreit das kleine Fräulein dabei immer lautstark und ist deshalb leicht auffindbar.
  • „Zieh dich jetzt bitte an, wir wollen zum Kindergarten!“ Reizworte: ‚Zieh dich an‘. Ha! Endet manchmal in:“Ich will nicht!“ Wird von Mama nicht akzeptiert. Weiter im Text (TOCHTER):“Dann gehe ich eben und schmeiße deine Schuhe in den Müll!“ (ja, wirklich, das sagt die Tochter!) Meine Antwort am Montag Morgen:“Schatz, Montag Morgen ist der Mistkübel nicht da sondern vor dem Gartentor. Geht nicht.“ Sie dann:“Na gut, dann reiß ich dir eben die Haare aus!“ (WHAT?) oder alternativ schon gehört:“Dann mach ich eben deine Sachen kaputt!“ Hä? Wo ist der konkrete Zusammenhang? Sage ich ihr auch und bitte sie, sinnlose, brutale und weitgehend zusammenhangslose Drohungen zu unterlassen.

Natürlich klingt das alles ganz witzig im nachhinein und von außen betrachtet, aber für die Kinder und für euch ist es in der Situation selbst alles andere als amüsant. Warum passiert das also alles einfach so? Muß das sein und muß da jeder durch? Hm, sorry: ja, da müsst ihr durch…

Der Prozess kindlicher Gehirnentwicklung

Und plötzlich bricht der Vulkan aus und euer Kind ist richtiggehend handlungsunfähig. In der Sekunde in der es so reagiert, sind ihm einfach ausgedrückt alle Sicherungen durchgebrannt. Das kognitive Gehirn, welches für die Stressbewältigung und Spracherkennung verantwortlich wäre,  ist bei Kindern bis ca. vier oder fünf Jahren noch nicht weit genug ausgebildet, um stressrauslösende Situationen wie ein Erwachsener strategisch bewältigen zu können.

Passiert Kindern aus irgendeinem Grund Stress – sei es etwas, was sie nicht erwartet haben (hier bei uns z.B.: die rosa Sportschuhe sind im Kindergarten und nicht zu Hause! Die Tochter will die anderen Schuhe nicht anziehen…), dann setzt sich der Teil des kognitiven Gehirns, der schon entwickelt ist außer Kraft und das emotionale Gehirn reißt die Führung an sich. Egal, was ich sage – im Fall der Schuhe wäre es wohl ein „NEIN, du kannst die nicht anziehen, sie sind einfach nicht hier. Zieh die anderen an – kommt mein NEIN gar nicht bei meiner Tochter an. Sie ist schon so wütend und ihr Gehirn bereits so unter Stress, weil etwas nicht läuft wie erwartet, dass ich eine Kooperation in dem Fall vergessen kann. Mit einem derart außer Funktion gesetzten kognitiven Gehirn wird sie meine Worte nicht einmal wahr nehmen.

Das könnt ihr tun, um euren Kindern zu helfen

Umarmen

Nachdem ich zu Beginn dieser Phasen erkannt habe, das sich irgendetwas tun muß, auch wenn ich nicht weiß, was, war Umarmen das erste, was ich versucht habe. Ich sage es gleich vorweg: ich habe damals gelesen, das wäre eine Möglichkeit, um mit Trotzanfällen umzugehen, es hat aber bei uns gar nicht funktioniert. Nicht alle Kinder wollen in so einer Situation Nähe, das kleine Fräulein nicht, das ganz kleine ebenso wenig (auch wenn ich bei ihr gedacht hätte, sie würde es wollen). Beide haben mich weggeschoben oder sogar weggeschickt. Versuchen könnt ihr es aber dennoch, einfach um herauszufinden, ob es bei euren Kindern helfen würde.

Reden

Habe ich oben geschrieben, das kindliche Gehirn hat quasi ein Blackout. Genau aus diesem Grund bringt es leider gar nichts oder nur sehr wenig, in dieser Situation auf eure Kinder einzureden. Ich bin selbst immer wieder versucht, obwohl ich das weiß und erkenne jedes Mal wieder, es ist sinnlos. Simple Worte kommen nicht bei ihnen an, weil unter Streß ihre Spracherkennung ausgeschaltet ist. Aber …

Empathie zeigen durch Mimik & Verhalten

… wo Worte alleine nicht ankommen, hilft eure Mimik weiter. Durch eure Mimik könnt ihr Empathie zeigen und euren Kindern zu verstehen geben, dass ihr ihren Schmerz , bzw. ihre Hilflosigkeit und Ratlosigkeit verstehen könnt. Gerade kleine Kinder, die diese Wut noch nie oder noch nicht oft empfunden haben, können sie noch gar nicht benennen (wie auch?). Helft ihnen dabei („ich sehe, du bist wütend, weil …“), aber haltet eure Sätze einfach uns simpel, denn wie ich oben schon geschrieben habe, mit der Spracherkennung tun sie sich in dieser Situation schwer.

Nein!

Haben sich Kinder wieder beruhigt, kann man die Situation natürlich erklären Aber leider – euer Nein solltet ihr natürlich trotzdem nicht umstoßen. Es ist ja zumeist auch begründeten und im Fall der Schuhe kann ich der Tochter den Wunsch gar nicht erfüllen, selbst wenn ich wollte. Aber auch in anderen Situationen sage ich ja nicht aus Spaß „nein“. Wenn wir los müssen, um pünktlich in den Kindergarten zu kommen oder wenn sie nichts Süßes Essen dürfen, weil wir gleich zu Abend essen. Ja, das Nein wird die Kinder nicht entzücken, aber da müsst ihr durch. Wenn sie erneut wütend sind, dann dürfen sie das sein, immerhin passiert gerade nicht das, was sie sich vorgestellt haben. Ihr seid auch wütend, wenn ihr in einer solchen Situation seid. Wichtig ist dabei, dass ihr nicht permanent zu allen Dingen „nein“ sagt sondern dann, wenn es begründet und wichtig ist.

Alternativen anbieten, Kompromisse eingehen

Damit begebe ich mich jetzt auf heißes Pflaster. Ja, ich finde, manchmal darf man Kompromisse eingehen. Nicht jedes Mal, aber in manchen Situationen sind Kompromisse für mich durchaus in Ordnung. Es geht mir nicht um’s Gewinnen sondern darum, eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden. Oder habt ihr noch nie einen Tagesplan mit eurem Partner ausgehandelt? Ich schon. Will die Tochter also noch nicht vom Spielplatz nach Hause gehen, mache ich häufig mit ihr aus, sie darf noch soundsooft rutschen oder soundsolange Spielen. Wenn sie mit dem Rad fahren möchte, ich aber den Bus nehmen will, mache ich mit ihr aus, ich hole sie z.B. mit dem Rad vom Kindergarten ab, damit sie damit zurück fahren kann. Wir machen Deals aus, die ich rechtzeitig ausspreche und an die sie sich in 90 Prozent der Fälle anstandslos hält und mit denen wir beide zufrieden sind. Trotzanfälle umgehe ich damit nicht. Leider und Gott sei Dank. Denn die brauchen unsere Kinder quasi zum Überleben. Wie sollen sie sonst jemals lernen, ihre Gefühle kompetent managen zu können.

Geht es euch auch manchmal so? Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Ich  bin gespannt auf eure Ideen und euer Feedback! Bitte hinterlasst gerne ein Kommentar und erzählt von euren Erfahrungen!

Autonomiephase Kinder

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