Mit sieben Jahren habe ich verzweifelt und erfolglos versucht, Geige spielen zu lernen. Ich habe beim Üben immer falsch gespielt und es nicht gemerkt. Ich wäre eben unmusikalisch, sagte man. Voller Überzeugung habe ich die Meinung aufgesogen, die Erwachsene über mich kund getan haben. Einfach so. Schließlich glaubt man, was man so über sich hört als Kind.

Ab diesem Moment war es vorbei mit der Musik. Ich war eben einfach unmusikalisch und habe mich seither nicht getraut, ein anderes Instrument zu lernen oder zu Singen. Im Schulchor nicht, im Musikunterricht nicht und auch nicht in der Kirche, wo sowieso jeder zweite falsch singt. Die hohen Töne konnte ich nämlich so gar nicht. Das musste etwas mit meiner Unmusikalität zu tun haben. Hätte mir mal damals bloß jemand gesagt, dass nicht jede Frau einen Sopran hat.

Mit Kindern reden - Wie Worte beeinflussen

Mit 16 habe ich zu Tanzen begonnen. Mit Takt konnte ich immer schon gut. Tanzen war eine meiner Stärken. Ich hab schon viel getanzt in meinem Leben. Standard, Latein, Jazz, Musical, Bauchtanz, Samba, Hula oder Zumba, auf der Bühne, bei Balleröffnungen, im Tanzsaal und beim Tanzmarathon. Niemand hat mir je gesagt ich könne nicht Tanzen. Unmusikalisch war ich trotzdem. Ich habe erst spät gelernt, dass niemand wirklich unmusikalisch ist – genauso wie vermutlich kaum jemand gar nicht Tanzen kann. Alles nur eine Sache der Übung und des Selbstvertrauens, manche sind eben besser in einer Sache, andere weniger gut. Trotzdem kann man etwas lernen. Aber sag das mal einer Siebenjährigen! Der Geigenunterricht damals hat mich genauso geprägt wie die Worte der Erwachsenen.

Ihr gebt eurem Kind sein erstes Selbstbild!

Warum ich das erzähle? Hätte mir damals niemand gesagt, dass ich unmusikalisch bin, vielleicht hätte ich dann irgendwann versucht ein anderes Instrument zu lernen. Flöte vielleicht? Gitarre. Oder Klavier? Wir teilen unsere und andere Kinder automatisch und unbewusst in Kategorien ein. Manche Kinder sind „schlimm“ (blöde Bezeichnung…) und andere „brav“ (also per Definition jene Kinder, die das tun, was wir Erwachsene von ihnen verlangen), manche ungeschickt, unbegabt, unsportlich, unmusikalisch, faul oder sonst was. Während wir das von ihnen und vor allem auch vor ihnen über sie behaupten, glauben sie es und es geht in ihr Selbstbild über. Und in unser Bild von ihnen.

Von Lausbuben, frechen Gören und Tyrannen

Kürzlich hat eine Mutter ihre Kinder in einer von mir gern gelesenen Facebook Gruppe als „Tyrannen“ bezeichnet. Ich musste zwei lesen, um das zu glauben. Ernsthaft? Tyrannen? Denkt ihr so über eure Kinder? Sprecht ihr so über sie? Meine Kinder sind manchmal laut, anstrengend, stellen sich taub und wollen definitiv nicht immer genau, was ich will. Ich fürchte, ich muss euch jetzt die furchtbare Wahrheit aufdecken: es sind Kinder! Kinder sind so und das mit dem „nicht-immer-und-vor-allem-oft-das-Gegenteil-tun-wollen-was-die-Eltern-wollen“ nennt man Autonomiephase. Von mir aus auch Trotzphase, auch wenn es nicht richtig ist. Die kleinen „Tyrannen“, „Lausbuben“, „Gören“, „Prinzessinnen“, „Monster“ oder „Nervensägen“ – wenn ihr so über sie sprecht und denkt, werdet ihr das bald nicht mehr aus eurem Denken verbannen können. Wenn ihr so vor ihnen über sie sprecht, eure Kinder auch nicht.

Wie Susanne es kürzlich treffen beschrieben hat:“ Wenn sie (Anm.: die Kinder) Pullover mit der Aufschrift „Satansbraten“ tragen, ist es, als würden sie Plakate durch die Gesellschaft tragen, die Gedanken über die böswilligen Kinder zementieren.“ Ihr sagt damit also nicht nur lautstark, was IHR über sie denkt (Zwölfjährigen wär das vermutlich schon peinlich …), ihr tätowiert es ihnen auch noch quasi auf die Brust und lasst andere genau das gleiche denken.  Im Scherz, versteht sich. Kinder verstehen in dem Alter bloß weder Zynismus noch haben sie Galgenhumor. Kinder nehmen solche Aussagen ernst.

Veraltete Handlungsmuster und Denkweisen

Ich gebe ehrlich zu, auch mir fällt es manchmal nicht leicht, mich gedanklich gemeiner oder abschätziger Zuschreibenden zu entledigen, die mein Gehirn aus Gewohnheit bereitwillig für meine Kinder zur Verfügung stellen würde. Bereitwillig, weil ich es gewohnt bin und so aufgewachsen sind. Früher sprach man von Lausbuben und frechen Gören, kleine Ladies haben zur Begrüßung einen Knicks gemacht und nicht frech zurück geredet. Immer noch reihen sich, wenn ich wütend bin, erlernte stereotype Aussagen über Kinder in meinem Hirn gnadenlos und erschreckend einfach aneinander und warten darauf, von mir ausgespuckt zu werden. Ich habe eine gedanklichen Filter installiert. Ich lerne um. Es ist manchmal anstrengend, aber es funktioniert. Ich möchte nicht so von meinen Kindern denken und schon gar nicht sprechen.

Eure Mutter hat immer recht (!) (?)

Gebt euren Kindern nicht jetzt schon ein Pakerl mit, sie werden sich noch früh genug ihr eigenes Gepäck aufladen. Wollen wir unsere Kinder positiv und liebevoll zu Erwachsenen heranwachsen lassen, brauchen sie eine liebevolle Begleitung. Liebevoll in Worten und Handeln. Wir sind Vorbilder, unsere Kinder sind unser Spiegel. Ich schätze übrigens, auch der Satz “…wie deine Mutter…“ ist so eine Art Self Fulfilling Prophecy in modernen Beziehungen – auch Erwachsene sind nicht immun dagegen. Positive, aktive, motivierte, liebevolle Kinder brauchen genau ein solches Feedback und positive, motivierende Impulse von ihren Eltern. Ihr seid die uneingeschränkt geliebten Menschen, von denen eure Kinder sich bewundernd alles abschauen und lernen, denen sie sehr lange einfach so alles 1:1 glauben. Wie war der Satz meiner Kindheit noch mal? Einer mit recht starkem Automatismus :“Deine Mutter hat immer recht! …“ Echt? Und bei euch?

Wie Worte beeinflussen

20 Kommentare