„Tatort“ Kinderzimmer. Die Große zieht der kleine Schwester gerade das Lego-Auto über. Die kleine Schwester weint bitterlich. Mir zerbricht das Herz. Hätte ich früher eingreifen sollen? Was mache ich jetzt – außer trösten? Wie soll ich mit dem Geschwisterstreit umgehen?

Aus einem kleinen „Vorfall“ wird ein regelrechtes Drama. Es ist fast egal, worum sie streiten. Gründe gibt es viele. Mir sind sie häufig unverständlich. Wer bekommt den sowieso schon kaputten Wasserball? Wer genau das eine Stofftier, mit dem seit Monaten niemand mehr spielen wollte? Die Haube? Wollen beide aufsetzten. Beide wollen auch mit der EINEN Lego Giraffe spielen, obwohl wir drei Stück davon haben. Vielleicht geht es auch um die Pole-Position am Küchenhocker oder wer das rechte und wer das linke Bein von Mama beim Zähne Putzen bekommt. Oder es geht schlicht und einfach um den letzten Cookie aus der Packung.

Geschwisterstreit

Ich verstehe oft nicht, weshalb sie streiten. Das ist aber auch, glaube ich, gar nicht so wichtig. Was mich viel mehr beschäftigt ist die manchmal sehr grobe Art, wie die zwei Damen Streit austragen. Schubsen, Hauen, Zwicken, Beissen oder mit Dingen werfen gehört neben Türen knallen dazu. Furchtbar für mich, offenbar weniger furchtbar und im emotionalen Streit „normal“ für sie.

Beim Geschwisterstreit …

… fehlen mir oft die richtigen Worte und brauchbare Handlungsstrategien. Ratlos stehe ich in der Tür. Soll ich eingreifen? Wann? Brauchen sie den Streit? Sollen sie es selbst regeln und wenn ja, wie weit? Wie viel soll oder kann ich unterstützen? Bin ich dann die Mediatorin meiner Kinder? Irgendwann ist es mir dann oft zu viel, zu laut oder zu handgreiflich. Bei Schlägen, Bissen oder ähnlichem hört es sich auf. Und dann bleibt der Nachgedanke: hätte ich früher etwas sagen sollen? Obwohl natürlich Fakt ist: ich kann (will und soll) nicht permanent neben meinen Kindern stehen und sie kontrollieren …

Ich brauche also brauchbare Strategien. Am besten von einer Expertin, die am eigenen Leib erfahren hat, wie Geschwister streiten können. Deshalb habe Sandra Teml-Jetter, Eltern- und Paarcoach sowie erfahrene Mutter und Gründerin der Wertschätzungszone, um ein Interview zum für mich sehr schwierigen Thema Geschwisterstreit gebeten.

Was tun, wenn Geschwister streiten?

Geschwister streiten. Ich kenne keine, die das nicht tun. Warum ist das so?

Sobald zwei Menschen in einem Raum sind gibt es Potential für einen Konflikt, da du vor die Wahl zwischen Kooperation und Integrität gestellt bist – oder einfach gesagt: Ich oder Du! Da entscheiden sich die meisten Kinder für das ICH!! Und schon befinden wir uns in einem wunderbaren Machtkampf! Das Maß der Rivalität hängt im Kleinkindalter deutlich vom Altersabstand der Geschwister ab: „Je geringer der ist, desto knapper sind in der Regel die Ressourcen, um die die Geschwister konkurrieren“ schreibt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster in seinem Buch „Menschenkinder“. Letztgeborene bekommen in allen Kulturen automatisch mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung – alle Kinder wollen aber gleich viel Mama. Und darum wird ganz viel gestritten. Je jünger die Kinder desto körperlicher, egoistischer und unempathischer die Streitkultur.

Es heißt, Kinder müssen streiten, denn Streit wichtig für ihre Entwicklung? Stimmt das?

Konflikte sind Teil des Evolutionären Plans, da wir an der Lösung des Konflikts wachsen, uns weiter entwickeln. Das ist im Nachhinein genial – mitten im Konflikt fühlt sich das schlichtweg zum Davonlaufen an! Es hilft schon, wenn Eltern sich diese Tatsache vergegenwärtigen können – dass das, was gerade passiert, einen Sinn macht. Nicht nur die Kinder lernen durch den Konflikt, sondern auch die Eltern. Eltern lernen zum Einen sich selbst kennen, wenn sie mit den Konflikten ihrer Kinder konfrontiert sind. Ich selbst bin Einzelkind und war mit meiner eigenen Hilflosigkeit konfrontiert, als meine beiden Jüngsten nicht nur um etwas stritten, sondern sich regelrecht die Haare ausgerissen haben! Ich durfte über mich lernen, dass ich mein romantisches Bild und meine Erwartungen von und an Geschwisterliebe schlichtweg löschen konnte. Ich musste mich im Hier und Jetzt der Realität stellen, die da hieß: „ICH HASSE MEINEN BRUDER!“ Auch wenn es mit nicht gefallen hat – es hieß jetzt mit dieser Realität und Enttäuschung meinerseits umzugehen, kreativ zu werden – anstatt sie sinnlos zu bekämpfen oder zu beschwichtigen.

Eine meiner Lösungsstrategien war es, meine Kinder selbst zu fragen, wie ich mit ihren Streits umgehen sollte. Meine damals Sechsjährige meinte: „Mama, das gehört dazu. Komm einfach, wenn ich nach dir schreie.“ Der dreijährige Bruder gab mir den Rat: „Trenn uns!“. Und darüber habe ich wirklich nachgedacht. Denn die beiden steckten aufgrund meiner Idealvorstellung tatsächlich sehr viel unfreiwillig zusammen. Als erste Konsequenz nahm ich den Jüngeren aus dem Nachmittagsworkshop mit seiner Schwester. Das Abholen und Nachhausefahren mit den beiden war immer eine Katastrophe gewesen und hob die für mich gewonnene Erholung während der kinderfreien Zeit in der Sekunde wieder auf. Die Lage entspannte sich sofort und war am Ende des Tages ein Gewinn für alle.Eltern lernen auch ihre Kinder kennen – wie ihre Kinder zum Beispiel innere Konflikte in einem äußeren Konflikt austragen. Meine Tochter ist wie ich und im Gegensatz zu ihrem jüngeren Bruder, ein sehr kooperatives, anpassungsfähiges Kind, bis hin zur Überanpassung.

Nach einem Besuch bei den eher konservativen, „strengen“ Großeltern zum Beispiel gehörte es zum Gesamtprozess dazu, dass sie ihre innere Anspannung, die sich durch „Bravsein“ aufgestaut hatte, an ihrem kleinen Bruder in Form von verbalen oder körperlichen Übergriffen ausließ. Sie war dann entspannt – der Rest der Familie nicht. Auch hier gilt es, als Eltern kreativ zu werden und aus dem gewonnenen Wissen eine Lösung zu finden, die für alle passt – oder zu akzeptieren, dass es eben so ist (was dem jüngeren Bruder natürlich nicht gefallen würde, nämlich die Rolle des Blitzableiters für die Schwester zu haben). In solchen Fällen habe ich mich immer dazwischengestellt, damit die Aufmerksamkeit weg vom Bruder hin zu mir kommen konnte. Je älter meine Tochter wurde, umso mehr konnte dieses Thema benannt und verbalisiert werden. Heute kann sie selbst abschätzen, wieviel „Anpassungszeit“ ihr gut tut, und wie sie ihre innere Anspannung lösen kann.Das alles war ein langer Prozess, ein Versuch und Irrtum, ein Forschen. Darum geht es letztendlich in einer Familie. Und deswegen gibt es kein Patentrezept.

In unseren Augen geht es sehr oft um Kleinigkeiten. Aus dem Streit um einen kaputten Wasserball wird eine regelrechte Spielzeugschlacht. Sollte man die Kinder erstmal machen lassen?

Da sagst du was ganz was Wichtiges: Aus unseren Augen. Kinder machen aus ihren Augen immer das Richtige. Wenn ich den Ball haben will, dann nehme ich ihn mir!Die Frage ist, wie gehen wir Eltern damit um? In erster Linie sind wir für die Sicherheit unserer Kinder verantwortlich – und wenn es körperlich gefährlich wird müssen wir da sein. Ob und wann wir eingreifen,wenn unsere Kinder handgreiflich werden, hat viel mit unserem eigenen Toleranzfenster zu tun. Ich als Einzelkind mit null Selbsterfahrung diesbezüglich habe immer sehr schnell eingegriffen. Neulich sagte ein Vater von Drillingen zu mir, dass er nicht eingreift, sondern nur Wunden verbindet. Ich behaupte, wir greifen ein, „erziehen“, wenn wir Angst bekommen – und, wie gesagt, dass ist sehr, sehr individuell. Ich halte deswegen nichts von allgemeingültigen Ratschlägen. Die gibt es meiner Meinung nach nicht. Es geht darum, sich seiner eigenen Grenze als Elternteil gewahr zu werden und danach zu handeln oder diese zu erweitern. Ich persönlich konnte mit dem Rat nicht einzugreifen gar nichts anfangen. So entspannt bin ich nicht.Was ich dann für mich gefunden habe und allen Eltern ans Herz legen kann ist ein zweitages Workshop bei www.originalplay.at. Dort habe ich gelernt, wie ich körperlich dazwischen gehen kann und sich die Situation entspannt, wenn ich entspannt bin und bleibe. Eine meiner Klientinnen hat mir dann bestätigt, dass sich auch ein Hund friedensstiftend zwischen zwei streitende Hunde stellt. Das scheint etwas natürliches zu sein. Das ist eine Haltung.

Zieht am Ende nicht immer das Geschwisterkind den Kürzeren, das friedliebender ist?

In oben beschriebener Haltung nicht. Mir als Mutter ist es egal, wer angefangen hat! Es ist auch irrelevant. Jedes Kind hat bestimmt einen legitimen Grund – aus seinen Augen! Gerne kann danach in Ruhe jeder zu Wort kommen und du musst als Mutter oder Vater gar nichts tun, als das Gesagte zu hören und gelten zu lassen. Du musst es nicht einmal verstehen. Hab ein neugieriges, offenes Ohr und Herz.

Welche Art von Eingriff macht Sinn und wie kann ich meine Kinder darin unterstützen nachhaltig zu lernen, Konflikte fair und ohne Handgreiflichkeiten zu lösen?

Konfliktlösung lernen unsere Kinder von uns Eltern. Also schaut einmal auf eure Streit- und Konfliktkultur. Seid ihr Erwachsenen trotzig, oder beleidigt, oder schweigt euch im Streit an? Oder schmeißt ihr mit Schimpfworten? Und wie stiftet ihr Frieden? Und, liebe Eltern, glaubt ja nicht, dass eure Kinder es nicht merken wenn ihr streitet auch wenn ihr das in einem andern Zimmer tut. Es geht nämlich um die dicke Luft, die dann herrscht, und die bekommen Kinder sehr wohl mit! Ich kann es also nicht oft genug betonen: Wir Eltern müssen zuerst bei uns selbst beginnen, mit Selbstbeobachtung und -reflexion. Dann können wir entscheiden, wie wir sein wollen.Viele von uns haben in der eigenen Familie keine konstruktive Konfliktkultur gelernt. In meiner Familie wurde viel unter den Teppich gekehrt. Unaufgelöstes und Ungeklärtes liegt dort herum und explodiert von Zeit zu Zeit. Das löst aber nichts. Wir können lernen, im Konflikt innezuhalten, uns selbst und dem anderen zuhören und unsere eigenen Emotionen zu managen. So möchte ich Vorbild für meine Kinder sein.Bezüglich der Handgreiflichkeiten kann ich nur sagen, dass, je jünger die Kinder sind, umso mehr nehmen sie ihren Körper zu Hilfe, um sich auszudrücken. Gebt ihnen als Erwachsene Worte für Gefühle und Gedanken – dazu müsst ihr euch dem Konflikt aber zuerst zuwenden, anstatt ihn nicht haben zu wollen. Vielleicht hilft schon die Einstellungsänderung: Hurra! Ein Konflikt! Wachstum steht vor der Tür!

Welche Schritte sind dabei wichtig? Was sollte man beachten?

Ich persönlich mag keine Methoden – sie werden dem jeweiligen Menschen und den vielfältigen Situationen nicht gerecht. Ich mag aber Ideen, die ich „kosten“ kann. Und so eine Idee bietet zum Beispiel Naomi Aldort in ihrem Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ an. Sie nennt es den SALVE-Prozess, wobei das ‚S‘ für STOPP steht. Also raus aus dem Erziehungsautopilot, sich selbst beobachten und sich selbst beruhigen als ersten Schritt. Danach hast du erst eine konstruktive Wahlmöglichkeit, wie es weitergehen kann. Aldort schlägt als nächsten Schritt vor, die Aufmerksamkeit (A) auf die Kinder zu lenken, also: Was ist hier tatsächlich los? Danach das ‚L‘ für den Kindern lauschen, zuhören. Das ‚V‘ für das Gesagte validieren und gelten lassen und danach ‚E‘, die Kinder ermutigen, den notwendigen nächsten Schritt zu gehen.

Wenn sich Eltern jetzt denken „Puh, das klingt aber anstrengend. Gibt es keinen anderen Weg?“, was wäre dein Tipp?

Der Tipp, der mir wirklich gefällt kommt aus dem schon zitierten Buch „Menschenkinder“ und lautet: „Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass Geschwister umso besser miteinander klarkommen, je mehr Unterstützung die Mutter selbst bekommt, je wohler sie sich fühlt und je weniger eng die Geburten aufeinanderfolgen.“ Anders gesagt möchte ich Eltern ermutigen, nicht zu viel auf die Kinder zu schauen, sondern sich selbst gut im Fokus zu behalten – und wenn sich ein Konflikt immer und immer wieder wiederholt, dann macht es im Hinblick auf Entspannung und Entlastung und Ermutigung Sinn, sich auch einmal coachen zu lassen. Oft braucht es nur einen Termin um wieder Klarheit zu bekommen, und der Blick auf die Dinge verändert sich!

Lesetipps von Sandra

Abschließend möchte ich hier noch ein paar weiterführende Links zum Thema anbieten:

Liebe Sandra, ich möchte mich für das sehr informative Interview bedanken! Ich kann deine Tipps gerade gut gebrauchen, denn es vergeht momentan kein Tag ohne einen „ordentlichen“ Geschwisterstreit. #esistallesnureinephase

Über Sandra

Sandra Temml-Jetter InterviewSandra ist Jahrgang 69 (Löwin), Einzelkind, Oberösterreicherin vom Attersee und seit 87 gelernte Wienerin, seit 97 mit Stefan zusammen – verheiratet seit 04, möglichst tägliche Umsetzerin der Idee “Eltern sein – Paar bleiben”, Anhängerin beraterischer Methodenvielfalt und -freiheit, Paartherapie selbsterfahren, immer interessiert an Weiterbildung (siehe Fotogalerie unten), Kleingärtnerin, leidenschaftliche Netzwerkerin, Erfinderin der “Wertschätzungszone” und des “emotionalen Klimawandels”, Schöpferin von “muttersein-fraubleiben” und BE – Beziehungskompetenz durch Einzelcoaching, Mutter von 2 Söhnen (95 und 04) und 1 Tochter (02) und Mitglied einer Patchworkfamilie, Herausgeberin von zwei Eltern-Grätzl-Kochbüchern, Knöpferlharmonikaspielerin, ist immer wieder einmal wütend und arbeitet frei nach dem Motto: Walk the Talk.

 

 

Wie ist das bei euch? Streiten eure Geschwisterkinder häufig? Wie geht ihr damit um?

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