Meine Oma ist letzten September 103 geworden. Ein beachtliches Alter. Sie hat zwei Kriege erlebt, politisches Chaos, mehrere Bundespräsidenten, einen Ehemann und mehrere Geschwister überlebt, eine Tochter großgezogen und auch bei den Enkelkindern ganze Arbeit geleistet. Sie hat ein gutes Stück Leben hinter sich gebracht und ich bin mir nicht sicher, wie oft jemand wirklich Danke zu ihr gesagt hat.

Oma 103. GeburtstagOma alias Urlioma ist nicht mehr ganz so fit. Sie kann aber immer noch noch Reden, dass einem die Ohren abfallen. Obwohl man meinen könnte, für 103 hält sie sich auch gesundheitlich recht wacker. Zu Weihnachten war sie bei uns und hat die fünf Stiegen zum Wohnzimmer mit zusammengebissenen Zähnen erklommen wie früher mal den Großglockner. Am 24. Dezember herrscht hier immer ein ziemlicher Trubel. Drei Urgroßeltern, vier Großeltern, ein paar Onkel, Tanten und Nichten sowie ein Hund Kalb versammeln sich immer in unserem Wohnzimmer. Urlioma hat sich prächtig unterhalten, Kaffee getrunken, ein Gläschen Wein geleert, zwei Teller Lachs verschlungen und ihrer Urenkelin aus einem Buch vorgelesen. Ganz nebenbei, wenn ich 103 bin, möchte ich auch noch so gut Vorlesen können. Ich hatte Tränchen im Augenwinkel, es war wirklich rührend. Außerdem möchte ich dann beim Familienfest noch einen drauf machen, als ob es meine letzte Party wäre. So gehört sich das nämlich.

Oma Weihnachten Urlioma

Weihnachten 2015

Ich nehme an, das Leben hat es gut mit meiner Oma gemeint. Immerhin haben sie und Opa zwei Kriege überstanden. Das ist schon mehr als andere von sich behaupten können, die im zweiten Weltkrieg nicht einer Meinung mit den Nazis waren. Man könnte nicht sagen, dass sie reich waren, aber es ist ihnen immer recht gut gegangen. Sie liebten die Natur und waren deshalb viel Wandern und Radfahren. Ansonsten hatten sie wohl eher eine klassische Aufteilung. Opa hat das Geld rangeschafft, Oma das Kind groß gezogen und gekocht. Irgendwie hat sie es aber trotz der mangelhaften Vorbildwirkung in Sachen Emanzipation richtig gemacht. Korrigiere mich ruhig, Mama, aber aus dir ist eine willensstarke und eigenwillige Frau geworden, auch wenn – oder gerade weil –  deine Kindheit sicher kein Zuckerschlecken war. Selbstbewusstsein und einen starken Willen, beides hat sie gut gebrauchen können, als mein Vater 1983 verstorben ist. Sonst würden mein Bruder und ich jetzt im Leben woanders stehen.

Oma bringe ich mit schönen Ereignissen in meiner Kindheit in Erinnerung. Wir waren viel wandern. Jedes Mal an einer Hütte oder am Gipfel durfte ich meinen Wander-Pass abstempeln. Den habe ich nicht mehr, aber dafür Omas akribisch genau geführtes Tourenbuch. Wir fuhren auch häufig gemeinsam in den Urlaub, weil Mama natürlich keine neun Wochen Sommerferien plus Weihnachten- und Semesterferien frei bekommen hat. Ich bin eine Weile bei Oma in den Kindergarten gegangen und kann mich erinnern, dass mein Lieblingsbuch zum Vorlesen in dieser Zeit „Geschichten aus tausend und einer Nacht“ war. Vorlesen konnte sie nämlich schon immer gut. Liegt wohl in der Familie.

Ich durfte auch oft beim Kochen helfen. In ein ordentliches Marillenknödel gehört eine perfekte Marille mit einem Stück Zucker in der Mitte, das weiß ich noch. Gerollt werden sie mit viel Feingefühl und Liebe. Allerdings habe ich bis heute keine Marillenknödel selbst gemacht. Auch  kein Brathendl. Von dem ich, ganz im Gegensatz zu heute, damals am liebsten die Beine abgenagt habe.

OmaTourenbuchOma

Aus Omas Tourenbuch: Juli 1988 nahmen mich Oma und Opa zur dreitägigen Wandertour mit.

Bei meiner Oma habe ich auch Radfahren gelernt. Zuerst unten im Hof und dann die Straßenbahntrasse vom 67er entlang. Im Urlaub mit Oma in Türnitz habe ich mir dann beim Bergabfahren das Knie so aufgeschlagen, dass ich genäht werden musste. Sie hat mich natürlich getröstet, als ich dort heulend bei ihr angelaufen kam, weil ich der Länge nach in den Kies gefallen bin. Autsch, das tat wirklich weh. Ungefähr genauso geheult habe ich, als ich mich – vielleicht sogar im gleichen Urlaub – in einen Ameisenhaufen gesetzt habe. Oma hat ganz schön etwas mit mir mitgemacht. Ich glaube, ich war ein recht „braves“ Kind, aber nicht gerade vorsichtig. Ich erinnere mich, dass sie mich einmal im Park gesucht hat und mich auf halbem Weg nach oben in einem recht hohen Nadelbaum fand. Und, dass ich mit gerade mal fünf Jahren gemeinsam mit meinem Bruder die alte Donau überquert habe, um illegal im Gänsehäufl* ins Wellenbad zu hüpfen. Ich würde sagen, sie hat mit mir ordentlich etwas mitgemacht. Und hat es mir trotzdem nie vorgeworfen.

Danke Oma, dass du Mama geholfen hast, für eine unbeschwerte Kindheit deiner Enkel zu sorgen. Danke, dass du uns gegeben hast, was du konntest. Ohne dich wäre vieles sicher anders gelaufen. Übrigens hat sie sich glaube ich immer gewünscht, dass ihre Enkelin auch Handarbeiten kann. Sie konnte noch bis vor ein paar Jahren wunderbar sticken und häkeln. 102 musste sie werden, bis ich mal die Nähmaschine angeworfen habe. Spät, aber doch. In der Schule haben mir Oma und Mama noch sehr tatkräftig beim Stricken und Sticken unter die Arme gegriffen. Ich war in Handarbeiten nicht gerade ein Könnerin. Der Lehrerin ist es nie aufgefallen.

Mit diesem Beitrag mache ich übrigens bei der Aktion #ichdankemeineroma von Gudrun Sjöden mit. Eine wirklich gute Idee, wie ich finde. Wie ist das bei euch? Welche Erinnerungen verbindet ihr mit eurer Oma?

 

*Erklärung für alle Nicht-Wiener: ein altehrwürdiges Wiener Freibad, in dem auch heute noch adleräugige Badewarte darüber wachen, dass niemand illegal die Bojenschnur quert.

Keine Kommentare