Anerkannte Technik von Müttern: nerven die lieben Kleinen, setzt man sie auf die Couch, dreht die Glotze auf und hat seine Ruhe. Einfach. Zu einfach. Findet ihr es eigentlich echt ok, wenn sich eure Dreijährigen jeden Tag eine Stunde Kinderbetäubung a la Disneychannel oder 90minütige Kinderfilme reinziehen?

Heikles Thema. Ich weiß, viele von euch lassen ihre (Klein)Kinder fernsehen. Im Schnitt eine Stunde am Tag, sagen Studien. Ich bin keine Suppermutti, aber eine Stunde am Tag kommt mir wirklich ein wenig viel vor für ein Kindergartenkind. Ich propagiere nicht völlige Medienabstinenz, auch unsere Kinder dürfen „iPad (Serien) schauen„. Fernsehverzicht oder generell Medienverzicht würde völlig an unserer heutigen Lebensweise vorbei gehen.

Kein Medienkonsum: geht nicht!

Eltern leben den Medienkonsum vor

Eltern leben den Medienkonsum vor

Wir belügen uns selbst, würden wir sagen „es MUSS auch ganz ohne Medienkonsum gehen!“ Das käme gleich nach: „Mein Kind bekommt WRIKLICH NUR Bio-Lebensmittel!“ Es KANN gar nicht völlig ohne Medienkonsum gehen. Sofern ihr nicht im tiefsten Dschungel oder auf einer einsamen Insel lebt. Ich kann und will meinen Kindern Medien nicht vorenthalten, weil sie einerseits täglich damit konfrontiert werden und andererseits ein gesundes Verhältnis dazu entwickeln sollen. Ganz abgesehen davon, dass wir ihnen den Medienkonsum ja vorleben. Hand hoch, wer nicht wenigsten einmal am Tag ein paar Sekunden lang gebannt auf sein Smartphone starrt. Ein wenig fernsehen oder Comuter spielen stört mich nicht. Aber die Einstellung „Setz‘ die Kinder vor den Fernseher, und gut ist’s“ finde ich nicht in Ordnung. Den Kindern gegenüber und auch prinzipiell nicht.

Es ist der einfache Weg. Es funktioniert. Natürlich tut es das. Auch meine Eineinhalbjährige verfolgt gebannt bewegte bunte Bilder, ohne zu verstehen, was da passiert. Sie schaut sich aber genauso gebannt ein buntes Bilderbuch an.

Früher war alles besser?

Ja. Nein, natürlich nicht. Wir waren immerhin weniger im Medienrausch. Wie viel habt ihr eigentlich ferngesehen, als ihr klein ward? So mit vier oder fünf Jahren. Ich wenig bis gar nicht. Erstens gab es nur einen Fernseher im Haus, zweitens nur zwei Sender*, drittens bei Oma sogar nur in schwarz weiß und viertens (wenn überhaupt) nicht rund um die Uhr Kinderprogramm.

Kindheit in den 80ern

An was kann ich mich erinnern, wenn nicht ans Fernsehen? Was haben Kinder in meiner Kindheit so gemacht den lieben langen Tag, Nachmittag oder Abend? Ich erinnere mich daran, dass ich mit Opa im Wohnzimmer eine Höhle gebaut habe aus zwei Leintüchern, dem alten Schaukelstuhl und zwei Sesseln. Ich weiß  noch, wie ich zwischen den gebogenen Beinen durchgeklettert bin, das war der Eingang. Ich erinnere mich an die Sandkiste hinter dem Gemeindebau der Großeltern, an die Büsche  – ebenfalls dort – wo ich mit der Kindergartenfreundin Indianer gespielt habe.

Ich weiß noch, dass ich im Sommer mal bei Regen nackig ums Elternhaus gelaufen bin und das ganz großartig gefunden habe. Ich erinnere mich an den blöden Hundehaufen im Garten, der dann stinkend zwischen meinen Zehen geklebt ist, den Marillenbaum bei Oma nebenan. Vom obersten Ast konnte man am besten in den Nachbarsgarten sehen. Bei Oma gab es auch die besten Erdbeeren der Welt. Die habe ich für den Winter immer selbst mit Stroh abgedeckt. Ich durfte außerdem ganz alleine zum Gärtner gegenüber gehen um Gemüse und Salat zu holen. Krumme Gurken gab es gratis dazu. Oma und Opa haben im Sommer unter dem Kirschbaum mit mir Schnapsen gespielt, ich hab meistens gewonnen. Ich weiß noch, ihr alter Brunnen war ganz schön schwer zu bedienen. Da musste man noch mit der Hand pumpen. Gott, bin ich mir stark vorgegekommen. Im Winter waren wir Eislaufen auf der Entlastung, im Sommer Plantschen in der alten Donau. Am Abend haben wir gelesen. Die Hälfte der Bücher habe ich immer noch und lese sie jetzt meinen Kindern vor.

Ein bisschen fernsehen hat mich nicht blöd gemacht

Ich kann mich eben auch an viele andere schöne Dinge erinnern, nicht ausschließlich ans Fernsehen. Vor allem nicht daran. Es war in den 80ern aber auch undenkbar, dass ich als Kleinkind eine Stunde am Tag vor der Kiste sitze. Zugegeben, manchmal stand auch das am Programm. Bei Oma und Opa zum Beispiel der Musikantenstadl. Fand ich toll. Oder die „Zeit im Bild“ Nachrichten vor dem Hauptabendprogramm. 30 Minuten Nachrichten waren das damals, das würde sich heute niemand mehr anhören. Opa hat immer gebannt zugesehen. Ich erinnere mich auch daran, dass ich mir die Krimis nie anschauen durfte. Manchmal habe ich bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ um die Ecke gelugt, wenn Oma nicht hingesehen hat. Unerschrocken. Es war so spannend.

Das ist schon lange her. Oma ist heute 104, Opa wäre noch um vier Jahre älter. Das war in den 80ern. In einer Zeit, als man offenbar der Meinung war, Kinder werden schon irgendwie groß. Und trotzdem erinnere ich mich daran, dass man sich mit mir beschäftigt hat. Oder ich mich mit mir selbst, wenn kein Erwachsener Zeit hatte. Aber nicht ans mich berieseln lassen.

Zuviel Fernsehen macht Kinder krank

Medienkonsum Kinder Kleinkinder

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Unter Zweijährige können Fernsehen übrigens noch gar nicht richtig verarbeiten. Sie erkennen nur, was sie aus ihrem täglichen Leben kennen. Zeig ihnen ein Flugzeug, wenn sie noch nie geflogen sind und sie wissen (natürlich) nicht, was das ist. Den Geschirrspüler oder die Badewanne dagegen werden sie auf jedem Bild finden.

Erschreckend ist für mich aber, dass in Studien zum Medienkonsum Kinder im Kindergartenalter bereits in drei Seher-Gruppen eingeteilt werden: Wenigseher (15-20 Minuten täglich), Normalseher (etwas eine Stunde täglich) und Vielseher (mehr als zwei Stunden!). Und irgendwoher muß der Begriff „Normalseher“ ja kommen, es wird statistisch gesehen wohl ein Durchschnittswert sein. Ehrlich? Eine Stunde? Findet ihr, Dreijährige sollten so viel fernsehen? Für alle, die am Thema interessiert sind, das gesamte oben verlintke Arbeitsblatt ist lesenswert. Und wird so manches Auge öffnen. Dort findet ihr übrigens auch zusammengefasst dass Kinder durch zu viel TV-Konsum die Fähigkeit verlieren, sich Geschichten aus Büchern bildlich vorzustellen. Schade um’s Kopfkino und für mich eine Horrorvorstellung.

Mehr Spielen statt Glotzen…

..auch, wenn es auf meine (Zeit)Kosten geht. Warum ich manchmal zu Hause nichts weiterbringe ist leicht geklärt. Es läuft kein Fernseher. Untertags nicht, vor allem aber auch nicht einfach so nebenbei. Kinder mal schnell vor den Fernseher setzen? Ich finde, es gibt ansprechendere Tätigkeiten, um den Tag auszufüllen. Notfalls Langeweile. Daraus entstehen sowieso die besten Ideen. Was für mich nicht in Frage kommt, mache ich auch nicht mit meinen Kindern. Ich bin ein Medienfreak, deshalb klingt es vermutlich unglaublich: ich habe seit vier Jahren nicht ein einziges Mal einfach mal so nebenbei zum Essen, Kochen oder beim Spielen zum Berieseln den Fernseher eingeschaltet. Weil es mir zu blöd geworden ist. Ich möchte nicht, dass sich die Kinder mit 30 daran erinnern, was sie alles im Fernsehen gesehen haben. Schöner finde ich die Vorstellung an Erinnerungsfetzen zu den mikrigen Paradeisern in Mamas Gemüsebeet und die magere Ernte. Wie sich ein Regenwurm auf der Hand anfühlt oder eine Nacktschnecke (bäh!). Dass es im Sommer wert ist auf den Regen zu warten, weil man sich mit 30 noch daran erinnern wird, nackig ums Haus gelaufen zu sein. Oder dass man mit Lust die Wände beschmiert hat, als Mama am Klo gesessen ist. Pech. Aber in 30 Jahren lach ich darüber.

PS: Fragt mal meine Mutter, wie das mit der Feuerwanzenfarm auf ihrer Terasse war. ICH war jedenfalls begeistert von diesem Projekt.


*Erinnert ihr euch? FS1 und FS2 die wurden dann am Ende vom Programm mit diesem komischen Retro-Bildschirmschoner namens Testbild versehen. Mann, so alt bin ich schon.

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